Winterabend mit Lieferdrohne – wie eine Anwältin mit KI endlich die „richtigen“ Mandant:innen findet
Urlaub vorbei, draußen kalt – drinnen warmes Licht, Essensdrohne am Balkon und die Frage: Was macht Mary Fair, Beraterin für KI & Business-Klarheit, für ihre Kunden
Rosy
1/6/20267 min read


Der Urlaub in Brixen lag ein paar Tage zurück. Auf den Dächern der Stadt lag ein dünner Schneefilm, in den Höfen glitzerten vereiste Pfützen im Licht der Straßenlampen. In der Wohnung der Familie Fair war es warm. Im Wohnzimmer stand der große Esstisch nah an der Balkontür, durch die man die Lichter der Häuser gegenüber sehen konnte. Auf der Heizung trockneten noch Mützen und Handschuhe vom letzten Spaziergang.
Die Wohnungstür fiel ins Schloss, Mary schälte sich aus Mantel und Stiefeln und kam mit geröteten Wangen ins Wohnzimmer. Sie stellte ihre Tasche neben das Regal, atmete einmal tief durch und setzte sich auf den freien Stuhl.
„Du siehst zufrieden aus“, stellte Joseph fest.
„Bin ich auch“, sagte Mary. „Heute war das Abschlussgespräch mit einer Kundin von mir, einer Anwältin.“
Samuel sah von seinem Display hoch. „Die mit den komplizierten Trennungen?“
„Genau die“, antwortete Mary. „Nur dass sie eigentlich gar keine „Krieg-vor-Gericht“-Fälle will.“
Noch bevor jemand nachfragen konnte, ertönte ein leiser Ton aus der kleinen Dockingstation draußen am Balkon. Auf dem Wandpanel im Wohnzimmer blinkte ein Symbol auf: Lieferung im Anflug – Balkon-Docking aktiv.
Drohne im Schneefall – das Abendessen kommt von draußen nach drinnen
Joseph stand auf und öffnete kurz die Balkontür. Ein Schwall kalter Luft zog herein. Draußen senkte sich eine Lieferdrohne durch den Schneeflockenwirbel auf Balkonhöhe, richtete sich aus und dockte an der Station an. Ein kurzes Klicken, dann glitt an der Seite eine Klappe auf.
Joseph trat einen Schritt hinaus, blieb im Türrahmen stehen und griff nach den Boxen, die nacheinander aus dem Fach geschoben werden. Auf jedem Tablett leuchtete ein kleines Display:
Nena – „Reis mit Gemüse, mild gewürzt – Gemüse von Höfen im Umland (max. 40 km)“
Mary – „Salat mit gegrillter Hühnerbrust – Huhn vom Nachbarhof, Blattsalate vom Wochenmarkt“
Joseph – „Steak mit Ofengemüse – Rindfleisch aus der Region, saisonales Gemüse“
Samuel – „Steinofenpizza Margherita – Pizzeria ‚La Pietra‘ im Viertel“
„Meine Pizza!“, rief Samuel und sprang schon halb vom Stuhl.
„Mein Gemüse“, konterte Nena und nahm ihr Tablett vorsichtig entgegen.
Joseph reichte die Boxen nacheinander hinein, zog die Balkontür wieder zu und schob den Riegel vor. Draußen blieb die Drohne geduldig angedockt, das Fach halb geöffnet. Auf dem Panel war nun ein kleiner Hinweis zu sehen: Geschirr-Abholung in 45 Minuten.
„Die wartet einfach im Kalten, bis wir fertig sind“, stellte Nena fest.
„Sie ist ja auch dafür gebaut“, meinte Joseph. „Wir nicht.“
Sie stellten die Essen auf den Esstisch, öffneten die Boxen, Dampf stieg auf und mischte sich mit der trockenen Heizungswärme. Das Glas klirrte kurz, als Mary die Karaffe mit Wasser aufsetzte. Dann kehrte für einen Moment Ruhe ein, nur das leise Summen der Heizung und ein fernes Auto unten auf der Straße waren zu hören.
„Du siehst zufrieden aus“ – und was dahintersteckt
Sie begannen zu essen. Nena probierte zuerst das Gemüse.
„Das schmeckt viel besser als in der Schulküche“, stellte sie fest. „Mehr nach … richtigem Wintergemüse.“
„Das ist auch welches“, sagte Joseph. „Nicht nur Tiefkühlmix.“
Mary kostete ein Stück Hühnerbrust und nickte. „Zart. Und ich mag, dass ich genau weiß, woher es kommt.“
Samuel hob den Pizzarand an und inspizierte den Boden. „Okay. Steinofen bestanden“, murmelte er.
Joseph sah Mary wieder an. „Du hast meine Frage vorhin nur halb beantwortet“, sagte er. „War heute dein Abschlusstag mit deiner Kundin, der Anwältin?“
Mary legte die Gabel kurz ab. „Ja. Und ich glaube, es war das erste Mal seit Jahren, dass sie gesagt hat: ‚Jetzt passen meine Kunden zu dem, wie ich eigentlich arbeiten will.‘“
„Was war denn vorher?“, fragte Samuel. „Die falschen Leute?“
Ausgangslage: Eine Anwältin zwischen Frieden und „bitte einmal Krieg“
Mary lehnte sich im Stuhl zurück, die Hände um das Wasserglas gelegt.
„Sie ist Juristin mit Schwerpunkt Mediation“, antwortete sie Richtung Samuel. „Sie versucht Streit zu lösen, bevor er ganz eskaliert. Familien, Erbschaften, Firmenpartner – überall dort, wo man nachher noch miteinander leben oder arbeiten muss.“
Nena schob Reiskörner mit der Gabel im Kreis. „Mag sie Streit nicht?“
Mary lächelte. „Sie mag klare Vereinbarungen. Sie mag, wenn Menschen einen Weg finden, weiterzumachen. Aber in den letzten Jahren hatte sie das Gefühl: ‚Ich arbeite viel, aber ich ziehe nicht meine Wunsch-Mandant:innen an.‘“
„Also die falschen Kunden“, fasste Samuel zusammen. „Sie will Frieden, die wollen Krieg.“
„So ungefähr“, sagte Mary. „Es kamen viele, die eine Art „Sieg“ wollten, einen klaren Gewinner. Und zu wenige, die wirklich nach einer tragfähigen Lösung gesucht haben.“
Joseph nickte. „Dann verhandelst man Fälle, die gar nicht zur eigenen Art passen. Das zieht Energie ab.“
„Genau“, sagte Mary. „Da bin ich mit meinem Beratungskonzept genau richtig. Wir haben zuerst Klarheit gesucht – komplett ohne KI.“
Fünf einfache Fragen statt großer Positionierungs-Show
„Wir haben uns einfach an ihren Besprechungstisch gesetzt“, erzählte Mary. „Kein Tool, kein Assistent. Nur Tee, Notizbuch und Ruhe.“
Samuel grinste. „Analog-Schock.“
„Sehr analog“, gab Mary zu. „Aber wichtig. Ich habe ihr fünf Fragen gestellt. Wir sind erst weitergegangen, als jede davon wirklich klar war.“
Sie zählte an den Fingern ab:
„Wer sind deine Lieblingskund:innen – ganz konkret?“
„Welches dringende Problem löst du für genau diese Menschen?“
„Was sagen deine besten Mandant:innen: Warum schätzen sie deine Arbeit?“
„Was bekommen Menschen bei dir, was sie bei anderen so nicht bekommen?“
„Welche Fähigkeit oder Erfahrung von dir ist selten – schwer kopierbar?“
Samuel schob seinen Teller ein Stück zur Seite. „Das klingt eher wie Coaching als wie Juristerei.“
Joseph nickte. „Ist es im Kern auch. Ohne das bringt dir die beste KI nichts – die verstärkt sonst nur Chaos.“
„Genau“, sagte Mary. „Erst als klar war, wofür sie stehen will und für wen, haben wir die Technik dazu geholt.“
Baustein 1: Die „freundliche Türsteher-KI“ auf der Website
„Aus diesen Antworten haben wir so etwas wie ihren Identitätskern gebaut“, erklärte Mary. „Zielgruppe, Ton, Haltung. Sie will Menschen, die bereit sind, Verantwortung für ihren Anteil zu übernehmen – nicht nur einen Schuldigen suchen.“
„Und was macht ihr mit diesem Kern?“, fragte Samuel.
„Damit steuern wir einen Website-Assistenten“, sagte Mary. „Der startet wie ein ruhiges Gespräch, fragt nach der Situation – Trennung, Erbschaft, Firmenstreit – und erklärt in einfachen Sätzen, wie sie arbeitet: keine Kampfbegriffe, klare Gesprächsstrukturen, Fokus auf Lösungen.“
„Und am Ende?“, hakte Joseph nach.
„Am Ende führt er nur diejenigen wirklich zur Terminbuchung“, sagte Mary, „die merken: Ja, ich will eine Lösung, nicht bloß gewinnen.“
Nena dachte kurz nach. „Also eine freundliche Türsteher-KI“, sagte sie. „Die sagt: ‚Du passt hier gut rein‘ oder ‚Vielleicht suchst du besser woanders.‘“
Mary lächelte. „Genau so nennt sie es inzwischen selbst: ihre freundliche Türsteher-KI.“
Baustein 2: „Bin ich hier richtig?“ – kleiner Check vor dem ersten Gespräch
„Der zweite Baustein ist ein kurzer Vorab-Check“, fuhr Mary fort. „Menschen können online ein paar Fragen beantworten – geschrieben oder eingesprochen.“
„Was wird da gefragt?“, wollte Samuel wissen.
„Zum Beispiel: ‚Was ist das Thema?‘, ‚Willst du vor allem eine Lösung oder willst du gewinnen?‘, ‚Bist du bereit, an mehreren Gesprächen teilzunehmen?‘“, erklärte Mary. „Die KI fasst das in einem Kurzprofil zusammen: passt gut, passt eingeschränkt, passt eher nicht. Und sie schlägt eine Antwort im Stil der Anwältin vor.“
„Und wenn sich die KI vertut?“, fragte Samuel.
„Dann entscheidet die Anwältin anders“, sagte Mary ruhig. „Die KI ist Filter, nicht Richter. Sie sortiert vor, aber die letzte Entscheidung trifft sie.“
Joseph nickte. „Das spart Zeit – aber lässt ihr die Verantwortung.“
Baustein 3: Geschichten statt Werbung – und eine KI, die zuhört
Mary drehte das Wasserglas zwischen den Händen. „Der dritte Teil war fast der schönste“, sagte sie. „Wir haben ein paar typische Fälle anonymisiert: Paare, die keinen Rosenkrieg wollten. Geschwister, die eine Erbschaft fair regeln wollten. Firmenpartner, die die Firma erhalten wollten statt zerstören.“
„Wie kleine Geschichten?“, fragte Nena.
„Genau“, sagte Mary. „Wir haben daraus ruhige, ehrliche Verläufe gemacht: Wo standen sie am Anfang, welche Schritte gab es, was war am Ende anders.“
„Und die KI macht daraus Content?“, fragte Joseph.
„Eine Content-KI hilft ihr, aus diesen Fällen unterschiedliche Formate zu bauen“, erklärte Mary. „Artikel, Kurzposts, kleine Videoskripte – immer im gleichen Ton: lösungsorientiert, respektvoll, ohne Kampfansagen.“
„Und die Feedback-KI?“, warf Samuel ein.
„Die schaut, welche Texte wirklich Anfragen bringen“, sagte Mary. „Sie sieht, welche Wörter die ‚richtigen‘ Menschen benutzen: Frieden, weiterleben, Firma erhalten, ohne Rosenkrieg. Daraus lernt das System, welche Sprache eher diejenigen anspricht, die zu ihr passen.“
Joseph nickte. „Sprach-KI plus Auswertungs-KI. Und der Ausgangspunkt sind deine fünf Fragen.“
„Ohne die wäre es nur technischer Lärm“, sagte Mary. „Mit ihnen wird es ein Filter, der zu ihrem Stil passt.“
Was sich für die Anwältin geändert hat
Samuel kratzte die letzte Tomatensauce von seinem Teller. „Und? Lohnt sich das Ganze? Oder klingt es nur schlau?“
Mary lächelte. „Im Gespräch heute hat sie drei Dinge gesagt:
Es kommen insgesamt weniger Anfragen, bei gleichbleibenden Neuklienten
denn deutlich mehr davon passen wirklich zu ihr,
und zum ersten Mal seit Jahren hat sie das Gefühl: Meine Außenwelt passt zu meiner Art zu arbeiten.“
Nena sah sie aufmerksam an. „Also hat sie jetzt mehr Leute, die Frieden wollen?“
„Ja“, sagte Mary. „Und sie muss nicht mehr gegen ihren eigenen Stil arbeiten.“
Joseph nickte langsam. „Das ist KI, wie ich sie mag: erst Klarheit, dann Verstärkung. Nicht umgekehrt.“
Gabel-Gate im Winter – und ein leiser Hinweis auf Grenzen
Ein leises Signal ertönte aus der Dockingstation. Auf dem Panel im Wohnzimmer blinkte: Geschirr-Abholung in 2 Minuten.
„Okay“, sagte Joseph, „wer hilft, die Sachen rauszubringen?“
„Alle“, meinte Mary. „Dann sind wir schneller wieder im Warmen.“
Sie stapelten die leeren Boxen auf ein Tablett, sammelten Teller und Besteck ein. Joseph öffnete noch einmal die Balkontür, ein kalter Luftzug zog durch den Raum. Gemeinsam reichten sie das Geschirr nach draußen in das geöffnete Fach der Drohne.
Beim letzten Teil hielt Nena kurz inne. In ihrer Hand lag eine leicht gebogene, futuristisch wirkende Gabel.
„Die ist schön“, sagte sie. „Die will ich behalten.“
Samuel schnaubte. „Klar. Und morgen bekommst du eine Push-Nachricht von der Gabel-Polizei. Die haben sicher eine Besteck-Blockchain.“
In diesem Moment sprang draußen auf dem Drohnendisplay ein rotes Symbol an:
Hinweis: Ein Teil des Geschirrs fehlt. Bitte prüfen.
Nena starrte die Gabel an, dann die Anzeige. „Die merkt das wirklich?“
Joseph musste lachen. „Jedes Teil ist getaggt. Für das System bist du gerade eine kleine Inventurdifferenz.“
Nena zog eine Schnute, legte die Gabel seufzend zurück ins Fach. Das rote Symbol sprang auf Grün, ein kleines Smiley erschien, die Drohne gab einen kurzen, freundlichen Ton von sich und löste die Dockingverbindung. Lautlos stieg sie in die kalte Winterluft und verschwand zwischen den Lichtern der Stadt.
Joseph schloss die Balkontür wieder, die Wärme kehrte langsam zurück ins Zimmer.
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