Ein Dorf, ein Roboter, Tokenisierung – und was das alles mit Josephs Beruf zu tun hat

Ein frostiger Morgen in Brixen, ein spontaner Ausflug ins Bergdorf – und die Frage, wie ein Mähroboter zum Gemeinschaftsprojekt werden kann.

Rosy

12/22/20256 min read

Ein Dorf, ein Roboter, Tokenisierung – und was das alles mit Josephs Beruf zu tun hat
Ein frostiger Morgen in Brixen, ein spontaner Ausflug ins Bergdorf – und die Frage, wie ein Mähroboter zum Gemeinschaftsprojekt werden kann.

Am zweiten Morgen in Brixen war der Frühstücksraum etwas belebter als am Vortag. Draußen hing ein blasser Winterhimmel über den Dächern, auf den Hängen rund um die Stadt lagen ungleich verteilte Schneeflecken wie weiße Flicken auf einem dunklen Teppich. Auf dem Tisch der Familie Fair stand wieder das flache Hoteldisplay, diesmal mit einem schlichten Hinweis in der Ecke:
„Tagesideen – Ausflüge ab Brixen“.

Mary stellte die Kaffeetasse ab. „Also“, sagte sie, „Christkindlmarkt und Weihnachtsgeschenke sind erledigt. Was machen wir heute?“

Joseph wischte kurz über die Displaykante. Drei Vorschläge erschienen: ein Museumsbesuch in Bozen, ein ruhiger Spaziergang rund um Brixen – und ein Ausflug in ein kleines Bergdorf namens Spiluck. Daneben eine kurze Beschreibung:
„Spiluck – steile Wiesen, kleine Höfe, Gasthof mit traditioneller Küche. Projekt: KI-Mähroboter der Bauern.“

„Das ist doch der Termin, den du erwähnt hast“, sagte Mary.
Joseph nickte. „Genau. Die Bauern dort wollen gemeinsam einen Mähroboter anschaffen. Ich helfe ihnen bei der Finanzierung – mit einem Token-Modell.“

Samuel hob den Kopf. „Also Arbeit, Papa? Echt jetzt?“
„Ein bisschen“, gab Joseph zu. „Aber ihr könnt mitkommen. Es gibt ursprüngliche Landschaften, Sauerstoff pur, perfekten Dolomitenblick und ein herrlich traditionelles Mittagessen im Gasthof.“
Nena strahlte. „Bekommen wir Schlutzkrapfen?“
„Die Chancen stehen gut“, meinte Mary.

Das Hoteldisplay schaltete automatisch in den Mobilitätsmodus. Ein Vorschlag erschien: E-Bus bis zum Dorf unterhalb, dann ein kleiner Shuttle hinauf nach Spiluck. Abfahrt in einer Stunde, Tickets über das Familien-Wallet. Joseph bestätigte mit einem kurzen Tippen, und im Hintergrund reservierte die Hotel-KI Plätze, synchronisierte Fahrzeiten und trug den Ausflug diskret in den Tagesplan der Familie ein.

Auf dem Weg ins Bergdorf

Eine Stunde später verließen sie das Hotel, die Luft war kalt und klar. Der E-Bus zog in leisen Kurven aus der Stadt hinaus, vorbei an kahlen Obstwiesen und dunklen Wäldern. Im Dorf unterhalb von Spiluck stiegen sie um. Der Shuttle, der sie die letzten Höhenmeter hinaufbrachte, war kleiner und wirkte fast wie ein Dorfbus im Miniformat, die Straße wurde schmaler, die Kurven enger. Nena klebte mit der Nasenspitze an der Scheibe.

„Da oben wird der Roboter mähen?“, fragte sie, als sie die steilen Hänge sah.
„Ja“, sagte Joseph. „Er kann auch dort mähen, wo es für Menschen wirklich anstrengend und gefährlich wird.“

Ein kurzes „Willkommen in Spiluck“ leuchtete im Inneren auf, dazu eine einfache Karte mit den Höfen, dem Gasthof und den Wanderwegen.

Spiluck selbst war eher ein Bündel aus Höfen als ein Dorf; ein paar verstreute Bergbauernhäuser, ein kleines Kirchlein, ein Gasthof mit Holzfassade und grünen Fensterläden. Der Schnee lag hier oben dicker, in den Schattenecken fast kniehoch.

Im Gasthof war die Zeit stehengeblieben. Traditionelle Holzmöbel, ein Kachelofen in der Ecke strahlte ruhige, tiefe Wärme aus, die Luft duftete nach Suppe, gebratenen Zwiebeln und etwas Süßem, das Mary noch nicht zuordnen konnte.

„Ihr seid die Familie aus Brixen?“, fragte die Wirtin. „Die Fairs, ein Tisch für vier wurde für euch reserviert.“

Sie setzten sich an einen liebevoll gedeckten Tisch, die Wirtin brachte eine Karaffe Wasser und eine kleine Karte. Neben der gedruckten Speisekarte stand ein schlichtes Display, das pro Gericht die wichtigsten Informationen zeigte: Herkunft der Zutaten, Allergene, eine grobe Klimabilanz. Die Wirtin meinte: „Das Menü ist heute einfach: Gerstensuppe, Schlutzkrapfen, gemischter Knödelteller. Alles von hier aus der Gegend.“
„Perfekt“, sagte Mary. „Dann einmal quer durch die Karte.“

Sie aßen in Ruhe. Die Suppe war kräftig, die Schlutzkrapfen dünn ausgewalzt, die Knödel überraschend leicht. Draußen zog der Wind kleine Fahnen aus Schnee die Hänge hinauf, während die Wirtin die Nachspeise, süße Krapfen kredenzte. Die Begeisterung für das Essen war groß.

Nach dem Essen kamen drei Männer in Arbeitskleidung in die Stube, die Hände noch rau von der Kälte.
„Joseph?“ rief die Wirtin „Es hat jemand nach dir gefragt.“

Mary sah zu den Kindern. „Wir kommen mit. Wir sind brav“, sagte Samuel mit einem halben Lächeln.
„Zumindest versuchen wir es“, ergänzte Nena und sprang vom Stuhl.

Ein gemeinsamer Mähroboter – und die Frage nach dem „Wie“

Draußen vor dem Gasthof deutete ein Bauer talwärts. „Wir haben da unten in der Maschinenhalle alles vorbereitet.“
Sie gingen die schmale Straße hinunter, vorbei an Hängen, die im Sommer schwer zu mähen waren. Vor der Halle stand eine niedrige, kettenbetriebene Maschine mit breitem Mähwerk – ein Mähroboter mit Sensoren und Kameras wie Augen und einer Ladefläche für das getrocknete Heu.

„So ein Ding wollen wir gemeinsam anschaffen“, sagte ein Bauer. „Aber keiner von uns kann das allein zahlen. Und die Bank versteht unser Modell nicht so recht.“
Joseph legte die Hand kurz auf das Metall. Genau hier begann seine Arbeit: aus einem Dorfwunsch ein klares Projekt auf die Blockchain zu bringen.

„Früher seid ihr zur Bank gegangen“, sagte er. „Ihr habt einen Kredit beantragt, die Bank hat euch geprüft – Einkommen, Sicherheiten, Grundbuch – und einer von euch hat unterschrieben und die Raten geschultert. Heute gibt es eine zweite Möglichkeit.“

Er klappte sein Mobilgerät auf. „Sagen wir, der Roboter kostet 10.000 Euro. Dann machen wir 10.000 digitale Anteile daraus, sogenannte Token. Ein Token entspricht einem Euro. Diese 10.000 Token werden einmalig erzeugt und an Menschen verkauft, die das Projekt mitfinanzieren wollen: euch Bauern, die Gasthofbetreiberin, eure Kinder – oder jemanden in Japan, der Spaß daran hat, an einem Mähroboter in Südtirol beteiligt zu sein. Damit ist die Anschaffung bezahlt, und der Roboter gehört wirtschaftlich allen Tokenhaltern gemeinsam, je nach Anzahl ihrer Token.“

Die Männer nickten langsam. Joseph fuhr fort: „Wer den Roboter später nutzt, zahlt Miete pro Stunde. In dieser Miete stecken Abnutzung und Wartung, Betriebskosten und eine kleine Gewinnmarge. Das Geld fließt in einen sogenannten Smart Contract auf der Blockchain. Dort steht im Code, wie hoch die Miete ist, wie viel für Wartung, Versicherung und Rücklagen abgezogen wird – und wie der Rest automatisch an die Tokenhalter verteilt wird. Die Blockchain ist euer öffentliches Kassenbuch: jede Nutzung, jede Zahlung, jede Ausschüttung ist nachvollziehbar. Keine versteckten Klauseln, keine spontanen Entscheidungen – der Vertrag führt sich selbst aus.“

Ein Bauer kratzte sich am Kopf. „Also, wenn ich das jetzt mit meinen Worten zusammenfasse, dann schaut’s so aus“, sagte er langsam. „Wir teilen den Roboter in 10.000 kleine digitale Stücke. Wer diese Token kauft, hilft mit, das Gerät zu bezahlen und wird so eine Art Mitbesitzer. Die Hofbesitzer, die ihn nutzen, zahlen Miete – darin steckt alles drin: Strom, Abnützung, Versicherung und ein bissl Gewinn. Zuerst gehen die Kosten runter und etwas in die Rücklage, und was danach übrig bleibt, wird nach festen Regeln an die Tokenleute ausgeschüttet.

Statt dass eine Bank allein entscheidet und einer von uns den Kreditvertrag schultern muss, holen wir uns viele kleinere Mitfinanzierer – von hier und von weiter her. Und wie das funktioniert, steht nicht in irgendeinem Ordner im Schrank, sondern in diesen Smart Contract auf einer Blockchain.“

Joseph nickte. „Genau so. Wenn du es so weitererzählst, verstehen es auch die anderen im Dorf.“

Mary betrachtete noch einmal die Skizze auf dem Bildschirm. Kreise, Kästchen, einfache Linien – und dahinter doch ein komplexes Geflecht aus Arbeit, Risiko und gegenseitigem Vertrauen.

„Im Grunde“, sagte sie leise, „baut ihr euch eine gemeinsame Maschine, die allen gehört – und der Vertrag dazu liegt nicht in einer Schublade, sondern in einem System, das niemand allein umschreiben kann.“

„Das ist die Idee“, bestätigte Joseph.

Samuel zog die Stirn kraus. „Also gehört der Roboter dann nicht einer Person, sondern den Tokenhaltern. Und wenn er viele Stunden im Einsatz ist, bringt er Einnahmen für alle.“
„Richtig“, sagte Joseph. „Er ersetzt keinen Menschen, aber er übernimmt den Teil der körperlich schwersten Arbeit. Und er kann mehr leisten, als ein einzelner Hof braucht.“

Nena hob vorsichtig die Hand, als säße sie in der Schule. „Und wenn das Ding kaputtgeht?“
„Dann ist im Smart Contract eine Rücklage vorgesehen“, sagte Joseph. „Ein Teil der Erlöse bleibt für Wartung und Reparatur im Projekt. Das verhandeln wir noch gemeinsam.“

Die Männer nickten. Man merkte, dass sie weniger über Begriffe nachdachten als über etwas Konkretes: ob der Roboter im steilen Gelände wirklich hält, was er verspricht.

Als sie später wieder im Gasthof saßen und auf den Shuttle warteten, sah Mary aus dem Fenster. Die schrägen Wiesen waren von einem Feldweg durchbrochen, auf dem eine Frau und ein Mann mit drei Hunden spazieren gingen.

„Es ist ein anderer Advent als früher“, dachte sie. „Damals neue Spielsachen, heute neue Modelle, wie wir Dinge gemeinsam nutzen.“

„Und?“, fragte Samuel, der ihren Blick bemerkte. „Findest du das kompliziert?“
Mary schüttelte den Kopf. „Eher logisch. Wenn man akzeptiert, dass Zahlen und Verträge nicht nur in Ordnern liegen müssen.“

Nena seufzte zufrieden. „Ich finde nur gut, dass zukünftig ein Roboter die steilen Hänge mäht und das Heu einbringt und nicht mehr Menschen diese schwere Arbeit machen müssen.“

Der Shuttle kam, leise, ein bisschen verspätet, wie es Bergbusse manchmal tun. Die Familie stieg ein, die Türen schlossen sich. Unten im Tal wartete wieder das Hotel mit seiner ruhigen KI, der gediegenen Holzeinrichtung und dem Abendlicht. Oben blieb ein Dorf, das begann, mit einem Mähroboter, ein paar Token und einem Smart Contract ein Stück Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.

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